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| Wo beginnt der Essay,
wo endet der Klatsch? Dieser Frage nachgehend, haben wir uns
entschlossen, dem Lästermaul in uns freien Lauf zu lassen
und veröffentlichen fortan kleine Essays von und über
die Schwarze Szene. Den Beginn macht Thomas Rainer mit seinem
Essay, den er 2000 für das Buch "Gothic" von
Peter Matzke und Tobias Seelinger verfasst hat. Ein Essay, der
trotz seines Entstehungsdatum nichts an Aktualität verloren
hat. |
Lieder,
die wie Wunden bluten
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Nach
der Licht und Schatten Tour sitze ich nun komplett fertig
und müde vor meinem Rechner, um diese Zeilen zu verfassen.
Eindrücke der Schwarzen Szene, eine Obduktion einer
Subkultur? Nein, einfach nur Erfahrungen und Ansichten.
Als
ich vor zirka 6 Jahren nach der, glaube ich für viele
fast selbstverständlichen „Austobungsphase“ in der
Pubertät, nach neuen Perspektiven suchte, stieß
ich eines Tages über den Flyer einer Veranstaltung.
Der vielsagende Titel „BLACK“ dieser Veranstaltung weckte
meine Neugier. Lange schon war ich in gewissen Maßen
unzufrieden mit meiner Umgebung, meine damaligen Freunde
dachten anders, fühlten anders, oder konnte einfach
nicht zu Ihren Gefühlen stehen. Es war angesagt den
harten Mann zu markieren. Romantik und Liebe wurden als
nicht vorhanden abgetan. Ich sah auch niemals einen meiner
Freunde weinen. Niemals ein Ausbruch von Emotionen, niemals
ein Funken dessen, was unser Leben eigentlich lebenswert
macht. Sollte es noch irgendwo Menschen geben, die so dachten
wie ich?
Doch
zurück zu besagtem Abend. Ganz allein und ganz in schwarz
machte ich mich in der Straßenbahn auf den Weg in
das besagte Etablissement. Da ich eine extrovertierte Persönlichkeit
bin, kam ich an diesem Abend mit vielen Leuten ins Gespräch,
doch es wurde nicht über Alkohol, Fußball oder
andere belanglose Sachen gesprochen, man diskutierte, philosophierte
und aus dem Hintergrund schallten mir unbekannte Klänge
entgegen.
Nüchtern
von meinem heutigen Standpunkt betrachtet, war meine Euphorie
für die neu gefundene „Heimat“ von außergewöhnlicher
Naivität gekennzeichnet. Auch hier gab es alltägliche
Probleme und auch hier waren genau so viele Spinner, Ignoranten
und fehlgeleitete Individuen am Werk, wie sonst in jeder
anderen Subkultur auch, nur die Atmosphäre wusste es
perfekt zu kaschieren.
Auch
wenn diese Einleitungsgeschichte jetzt wie der Standardweg
eines jeden Gothics klingen mag, es war einfach so. Leider
stimmen auch all die unangenehmen Seiten der neuen Zugehörigkeit
mit dem Klischee überein.
Seitdem
ich mich mit meinem Musikgeschmack und meiner Kleidung von
der Konformität meiner ehemaligen Clique entfernte,
umso mehr entfernten sich meine damaligen Freunde von mir.
Es war eine Zeit der Veränderung, eine Zeit, die meine
Leben nachhaltig prägen sollte.
Ich
entdeckte viele Dinge wieder. Meine Liebe zur Musik, sie
nicht nur zu konsumieren, sie selbst zu schaffen. Ein Ventil
für all meine Gefühle zu kreieren. Ich saß
stundenlang mit einem Blatt Papier am Fenster und schrieb
Gedichte über Dinge, die mich bewegten, verbrachte
Nächte vor dem Klavier und spielte mir meine Sorgen
von der Seele.
Und
genau das faszinierte mich an der Musik im Großraum
Gothic. Eine perfekte Symbiose von Musik mit Texten, die
etwas zu sagen hatten, Menschen die Ihre Seele auskotzen.
Menschen wie ich.
Das
Publikum, die Zuhörer wurden zu einem guten Freund,
dem man seine Sorgen anvertraut, mit dem man über Visionen
und Träume spricht, ein stummer Zeuge, der viele Gesichter
trägt, und manchmal doch durch den Nebel der Anonymität
seine Stimme erhebt.
Genau
durch dieses Feedback wurde mir bewusst, dass ich etwas
bewegen konnte, Menschen schrieben mir, dass meine Kunst
ihnen in Lebenssituationen geholfen hat, Meine Hoffnungslosigkeit
ihnen Chancen aufzeigte, mein Weg den ihren beschrieb, sie
mit mir lebten.
Beim
Stil meine Gefühle auf Papier zu bannen, half mir meine
schon immer starke Vorliebe für Lyrik. Besonders die
englischen Romantiker hatten es mir schon immer angetan.
Wie bildreich man Gefühle beschreiben kann, und wie
diese unbewusst auf die Seele wirken. Auch die Intensität
von Meistern wie Baudelaire und natürlich Goethe beeinflussten
mein Schaffen.
Schaffen,
etwas Hinterlassen, ein Ziel das ich mir als Lebensmotto
gesteckt hatte, nicht zuletzt durch einen interessanten
Zufall.
Als
ich bei dem Begräbnis eines entfernten Verwandten war
um Ihm die letzte Ehre zu erweisen stolperte ich bei meinem
Anschließenden Spaziergang über einen Grabstein
mit folgender Inschrift:
„Suchet
mich nicht hier,
suchet
mich in euren Herzen.
Wenn
ich mir dort kein Denkmal gesetzt haben,
dann
ist mein Leben umsonst gewesen“
Sollte
ich einen Weg gefunden haben, meine Angst vor dem Tod zu
überwinden, meine Sehnsucht nach Unsterblichkeit zu
Stillen?
In
den Herzen der Menschen weiterzuleben entweder durch das
Schaffen von Kunst oder einfach durch Taten, die einen Einzigartig
machen. Schlagartig änderte sich mein Weltbild...
Doch
zurück zum eigentlichen Thema dieses Essays.
Die
Zeit verging und mit jedem Tag, in dem ich mich in der Szene
aufhielt, wich auch meine Blindheit und der naive Idealismus,
dem ich mich in den Anfangstagen hingegeben hatte.
Die
Ideale, die ich der Szene zugeschrieben hatte, waren objektiv
nicht vorhanden. Zwar sah alles oberflächlich betrachtet
so aus, als ob es wirklich Ideale gäbe, doch sobald
ich mich tiefergehend damit befasste, verflogen diese wieder.
Es gab und gibt in der Gothic Szene die selbe ausgewogene
Mischung von Arschlöchern und intelligenten Individuen,
wie in jeder anderen Szene auch.
Besonders
die in der Gothic Szene sehr stark ausgeprägten Hierarchien
und Gruppen stimmen mich immer wieder nachdenklich. Die
elitären OldSchool Gothics, die immer mindestens um
5 Jahre länger in der Szene sind als jeder Andere,
die Mähren von der guten alten Zeit erzählen,
als die Bewegung noch einen eigenen Geist hatte und deren
musikalischer Horizont vor 10 Jahren aufgehört hatte,
sich zu erweitern, oder Industrial Freaks, die bereitwillig
für eine 10 inch einer Industrial Band aus Timbuktu,
deren Sound klingt, als ob ich mit einem Bleistift zeichne
und das ganze durch einen Gitarrenverzerrer schleife, 500
DM bezahlen würden, Hauptsache das Teil ist so limitiert,
das man damit prahlen kann. Das krasse Gegenteil dazu, die
Jungen, die „Baby Bats“, die die vorgeschriebenen Depressionen
des Klischees ausleben und sich Volllaufen lassen, um dieses
Zustand auch jedes Wochenende zu erreichen.
Hier
herrscht auch strikte „Rassentrennung“. Wage es keiner mit
einem Zugehörigen einer anderen Subgruppe zu sprechen,
geschweige denn eine Beziehung, sei sie nun amouröser
oder freundschaftlicher Natur, einzugehen. Das käme
einem sozialen Suizid gleich.
Viele
Leser dieser Passagen mögen mir diese, wahrlich etwas
überspitze, Darstellung des sozialen Tumults übel
nehmen, doch dies ist meine subjektive Beobachtung, wenn
auch, wie gesagt, vielleicht etwas dramatisiert.
Die
ganze Situation verschlimmert sich natürlich noch durch
die akute Existenzangst der „Gründerväter“ der
Szene. Da sich die schwarze Subkultur in den letzten Jahren
eines beträchtlich ansteigenden Zuspruchs erfreut,
wird die sie von unwissenden pubertierenden „Kindern“ überschwemmt,
der Geist gehe verloren. Doch ist nicht dies genau ein Zeichen
der Zeit. Alte Strukturen werden in jeder Ecke dieser Welt
eingerissen, neues entsteht. Genau dieser Umschwung findet
auch in der schwarzen Szene statt, und ich bin froh darüber.
In
der Gothic Szene herrscht Revolution! Die neuen Hymnen der
Szene werden nicht mehr durch mit Delay und Chorus verfremdeten
Gitarren begleiten tiefen Männerstimmen vorgetragen.
Wuchtige Bass-drums, synthetisch modulierte Bassläufe
und verträumte Flächensounds bilden den musikalischen
Hintergrund für die Poeten dieser Subkultur. Auch wenn
sich die Untermalung ändert, wird die schwarze Musik
aller Generationen doch immer eines vereinen: dunkle Poesie,
die von Sehnsucht, Liebe und dem Tod erzählt.
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2000
& 2005, Thomas Rainer
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| Der Schwarzdenker
oder die Bürden des Alltags. Die besten Essays von "La
linguaccia" und seine schwarzen Gedanken aus einer alltäglichen
Welt. Das Kleinod des ewigen Zweifelns - zusammenfasst im Jahre
2004. |
Ich
schätze die diskrete Tamponwerbung
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Heute
möchte ich eine Frage stellen, die mich schon lange
beschäftigt:
Geht
es nur mir so oder stört es gar auch andere, dass sich
in der Fernsehwerbung die Appetitlichkeitsgrenzen immer
mehr verschieben?
Im
Speziellen spreche ich von den Binden- oder Tamponwerbungen.
Natürlich,
diese Dinger sind wohl notwendig und eine höchst segensreiche
Erfindung für alle weiblichen Mitmenschen im entsprechenden
Alter. An dieser Stelle meine Hochachtung vor den Geplagten.
Doch,
warum muss dies überhaupt in eine Fernsehwerbung?
Es
werden dort ja auch keine Werbefilme über andere täglich
in Verwendung stehende oder benötigte Güter wie
Amalgam-Zahnfüllungen, Schmirgelpapier oder Dichtungsringe
für Kaffeemaschinen gezeigt.
Der
Markenkonkurrenzkampf ist natürlich die Antwort
der Wirtschaft, eine Antwort, welche mich aber trotzdem
nicht ganz zufrieden stellt.
Nun
gut, wenn es schon unbedingt sein muss, ist es aber wirklich
notwendig, dabei extra noch darüber zu triumphieren,
dass selbst bei ganztägigem Gebrauch gar kein Tropfen
, Fleck oder übler Geruch
zu verbuchen ist. Dabei werden siegessicher lächelnde
Businessfrauen in weißen Kostümen gezeigt, die
somit der ganzen (männlichen und weiblichen) Mitwelt
wieder mal zeigen, wie sie sich mit einem kleinen Trick
gegen das Allzumenschliche wehren.
Man
spricht bei Werbung über Toilettenpapier ja auch nicht
direkt über die verschiedenen Arten von Stuhlgang,
zumindest ist mir bisher noch nichts dergleichen aufgefallen.
Aber womöglich kommen bald schon stuhlgangsspezifische
Papierarten auf den Markt und somit auch auf den Screen.
Vielleicht
kommen ja bald auch Werbefilme zum Thema Ausfluss oder Fußpilz?
Ich
möchte es jedenfalls nicht wirklich sehen. Zu verhindern
werde ich es wahrscheinlich kaum imstande sein.
Doch,
wenn in der Leserschaft wenigstens mindestens eine Person
ist, der es ähnlich geht, fühle ich mich in meinem
Unbehagen nicht ganz so allein....
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27.
Juli 2004, La
Linguaccia
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Beratung
und Coaching bis zur vollen Paralyse
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Im
allgemeinen Sprachgebrauch bereits stark verankert, werden
die Begriffe Training, Beratung und Coaching schon beinahe
selbstverständlich eingesetzt und in allen Arbeits-
und Lebensbereichen angesiedelt.
Zunächst
stechen die sogenannten Bewerbungstrainings ins
Auge. Diese wollen - gerade in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit
und wechselnder Arbeitsmarktbedingungen - der Menschheit
beibringen, wie man sich und seine Arbeitskraft gut oder
richtig verkauft. Nun gut, dies ist ja durchaus etwas Nützliches,
da ein handgeschriebener Lebenslauf, der in epischer Form
noch von Oma und Opa und der schönen Kindheit am Land
erzählt, wohl tatsächlich nicht mehr zeitgerecht
ist.
Unzählige
Bücher und Heftchen, Mappen und noch mehr Zeitungsartikel
lehren also, wie man sein müsste, wenn man etwas vom
großen Kuchen haben will. Mit bester Selbstverkaufstaktik
giert man sich dann um die wenigen Angebote, peinlich durchgestylt
in Wort und Schrift, dafür aber sportlich.
Kommunikations-
und Rhetoriktrainer helfen daneben in allen Lebenslagen,
den richtigen Ton zu finden, wen man sein Kuchenstück
bestellen will, vor allem, wenn es ganz besonders groß
und saftig sein soll. So etwa nach dem Motto „Mit Power-Talking
zu Reichtum und Ehren!“
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„Doktor
Besserwiss'“ hat aber
auch in vielen anderen Bereichen Einzug genommen und hilft
natürlich, wo er nur kann. So gibt es beispielsweise
für finanzielle und materielle Fragen Versicherungsberater
, Finanzberater , Verkaufsberater ,
Anlageberater ,….., die uns alle weismachen wollen,
dass wir ohne sie nicht mehr überleben können.
Allein auf dieser großen komplexen Welt ohne diese
altruistischen Helfer würde man schier ins Verderben
rennen. Wahrscheinlich wollen sie wirklich nur unterstützend
wirken in unserer Zeit, wo die starke väterliche und
schützende mütterliche Hand abhanden zu kommen
scheint. Auch sie wollen eben nur unser Bestes.
Nun,
mit dem durch diese braven Menschen und ihre Hilfe gesparten
und erworbenen Geld, muss man natürlich etwas Gescheites
machen. Aber was?
Zuerst
kommen selbstverständlich die Primärbedürfnisse.
Aber
ohne Ernährungsratgeber und Ernährungsberater
würde man höchstwahrscheinlich schon bald
mindestens fünf verschiedene (sozusagen selbstverschuldete)
Krebsleiden züchten.
Ein
persönlicher Fitness- und Wellness-Coach
hilft außerdem, dass man auch noch in zehn Jahren
aufrecht gehen kann und vor allem für den Arbeitsmarkt
leistungsfähig bleibt. Täglich samt besagtem Personaltrainer
und Bergstöcken per Nordic-Walking durch die
Innenstadt und die Zukunft ist gesichert!
Um
die richtige Partnerschaft zu finden, soll man die Beratung
einer Partnerschaftsvermittlungsagentur in Anspruch nehmen,
vorher jedoch unbedingt einen Stylingberater konsultieren,
wahlweise könne dieser aber auch durch einen Farb-
oder Edelsteintherapeuten ersetzt werden,
je nach Ausrichtung und Tiefgang. Der
persönlicher Wohnberater der Bank wird gemeinsam
mit dem ebenfalls persönlichen Wohnberater
des Einrichtungshauses inzwischen die Wohnungsfrage klären.
Ein einfaches Dach über den Kopf allein? Nein, das
wäre ja zu primitiv......
Im
Grunde genommen könnte man all das übersehen,
würden sich diese „Angebote“ nicht so scham- und distanzlos
allerorts aufdrängen.
Alle,
die dies jedoch rundum in Anspruch nehmen (müssen)
sei aber schon mal die Frage gestellt:
Lebt
Ihr selbst noch oder seid Ihr schon durch die Rundumbevormundung
paralysiert?
Wenn
dies so ist, kann ich nur einen Anti-Paralyse-Coach
empfehlen!
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02.
Juli 2004, La
Linguaccia
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Der
tägliche Marathon des Gutmenschen
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Unlängst
fand in Wien wieder der City-Marathon statt. Angesichts
dieser Lauferei rundherum ist mir eine andere Form des Marathonlaufes,
oder vielmehr Hürdenlaufes, in den Sinn gekommen, den
ich beinahe tagtäglich zu durchlaufen habe, ohne dass
ich mich jemals dafür angemeldet hätte:
....Gerade
die Rolltreppe der U-Bahn verlassen stürzen schon studentisch
anmutende Typen mit manischem Lächeln auf mich zu.
Der Ausdruck in den Augen erinnert mich plötzlich an
jene klinkenputzenden Missionare, die ich vor allem aus
meiner Jugendzeit am Lande noch gut in Erinnerung habe.
„Liebst
Du Tiere?“ ist die Suggestivfrage.
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Keine
zwanzig Meter weiter fährt mir eine Hand aus der Menschenmenge
entgegen und die Aufforderung „Hast Du einen Euro?“ wird
die nächste Labstation meines Spezialmarathons. Wieder
kann ich nur matt verneinen. Der angehobene Betteltarif
seit der Euro-Umstellung erzürnt mich eigentlich an
sich schon. Sicher, die Lebenshaltungskosten sind wirklich
sehr gestiegen, wer aber sagt das endlich auch meinem Lohnbüro?
Besonders gerne habe ich in diesem Zusammenhang den Zusatz
bettlerspielender Gymnasiasten „Ich brauch das Geld, damit
ich zu Hause anrufen kann“, vor allem nachdem weit und breit
keine Münztelefone mehr zu finden sind. Also
nichts wie weiter, meinem trauten kleinen Heim entgegen,
in die erhoffte Stille und Menschenleere (man verzeihe mir
an dieser Stelle meine Kleinbürgerlichkeit!).
Doch
es kommen noch einige Hürden auf mich zu.
Zunächst
steht da eine Trachtengruppe – Hardcore-Steirer sozusagen
- malerisch vorm Biedermeierhäuschen in meiner Wohnstrasse
und versucht verzweifelt, das alpine Volkslied zu retten.
Ich könnte sie mit einer Spende dabei wunderbar unterstützen,
meinen sie.
Manchmal
investieren solche oder ähnliche Formationen ihr ganzes
Herzblut auch schon mal in die Rettung der zentralasiatischen
Hochlandprimel, für die ich höchstpersönlich
eine Patenschaftsurkunde käuflich erwerben könnte.
Noch kaum den Bergen entronnen
müsste zwei Häuser weiter auch der tropische Regenwald
noch schnell vorm Nachhausekommen geschützt werden.
Zumindest meinen das einige nickelbebrillte Straßenkeiler
mit sorgenvoller aber durchaus vorwurfsvoller Miene. Ich
weiß schon, dass sie grundsätzlich recht haben,
doch „Habe ich persönlich dem Regenwald jemals auch
nur das Geringste vorsätzlich angetan?“
Außerdem:
„Wenn es bei unserem Scheißwetter hier noch einige
Wochen so weiterregnet, wächst der abgeholzte Regenwald
eh bald direkt vor der Haustüre nach...“
Diese
und ähnliche Trotzgedanken ohne Tiefgang sind definitiv
die einzigen Reaktionen, die mir am Ende meiner Kräfte
in der Zielgeraden noch einfallen.
Endlich
die Wohnungstüre hinter mir zugemacht will ich zur
Beruhigung meiner Seele einfach nur etwas klassische Musik
hören (Sorry, bin ja Kleinbürger) und schalte
– wie gedankenlos und offensichtlich meine Bequemlichkeit
selbststrafend – das Radio ein. Ich glaube meinen Ohren
nicht zu trauen, als ich umgehend aufgefordert werde, in
letzter Minute quasi den ganzen Stephansdom zu retten, er
bräuchte mich ganz dringend.......
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06.
Juni 2004, La
Linguaccia
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Geschäftsmäßige
Freundlichkeit oder:
der
Zwang zur lächelnden Kommunikation
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„Herzlich
Willkommen bei ...., mein Name ist Johannes Karl Müller,
was kann ich für Sie tun?“
Minutenlang
in der Telefonschleife festgehalten, bei aufreibend säuselnder
Kaufhausmusik, und jetzt diese aufdringliche und verpflichtende
Zwangsfreundlichkeit! Dabei wollte ich lediglich kurz mal
wissen, wie viel eine Zugkarte von Wien nach Graz kostet,
nichts weiter. Angesichts meines so peinlich unkomplexen
Anliegens bin ich mir nun gar nicht mehr so sicher, ob ich
überhaupt fragen soll, ja bin zuerst sogar etwas beschämt
über mein simples Leben.
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„Guten
Tag, was darf ich Ihnen anbieten?“
Die Dame in schicker Uniform, hochgesteckten Haaren und
perfekt geschminktem Antlitz stellt mir völlig überraschend,
um nicht zu sagen attackierend, diese Frage, mit leicht
erotisierendem Hauchen und beinahe französischer (oder
war es doch eher polnischer?) Sprachfärbung. Zunächst
zucke ich noch zurück. Habe ich mich gar am Eingang
geirrt und bin blindlings in ein Animierlokal geraten? Nein,
ich bin schon richtig! Doch wollte ich nur so im Vorbeigehen
lediglich zwei hundsordinäre Semmeln kaufen. Ich bin
dabei aber zu meinem Nachteil in eine der unzähligen
verwechselbaren Läden jenes Besitzers, der sie „verwöhnt“,
geraten. Warum mich jemand beim Brotkauf verwöhnen
muss, bleibt mir ein Rätsel. Warum sich die Verkäuferin
beinahe selbst anbietet noch mehr!
Ich
weiß nicht, wie es anderen geht. Mir
jedenfalls geht diese auf Wochenend-Kommunikations-Kursen
eingelernte Freundlichkeit im öffentlichen Raum, ob
im Handel oder einem anonymen Callcenter (übrigens
ein Kapitel für sich!), mächtig auf den Geist!
Ich
will nicht zum Lächeln und ich will schon gar nicht
zum Freundlichsein gezwungen werden, vor allem wenn ich
weiß, dass mein Gegenüber ohnehin nur deshalb
freundlich ist, weil mir irgendein überflüssiger
und überteuerter Schund verkauft oder irgendein Blödsinn
aufgeschwatzt werden soll.
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14.
Mai 2004, La
Linguaccia
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| Klatsch, Tratsch, Gerüchte:
Wer glaubt in der Wiener schwarzen Szene wird nicht über
Gott und vor allem über die Welt gesprochen, der irrt.
Kurz und gut: Um weiteren Klatsch zu fördern, haben wir
uns entschlossen, nun doch ein Forum ins Leben zu rufen. Mehr
dazu demnächst. |
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Forum
online: Frühjahr 2005 |
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