SW:
Wenn man sich eure Alben anhört, stellt man fest, dass
eine kontinuierliche Veränderung und Weiterentwicklung
stattgefunden hat, sei es inhaltlich oder musikalisch. Worin
siehst du die Weiterentwicklung von „Gezeiten“ im Vergleich
zu „Als die Liebe starb“?
TR:
Das Ganze hat sich in seine Extreme verkehrt - die besten
Elemente aus dem letzten Album wurden noch extremer gemacht,
d. h. die poppigen Elemente noch viel stärker betont,
eingängigere Songs gemacht und auch die düsteren,
traurigen Emotionen noch verstärkt. Das Album in sich
ist so polarisierend, dass es bestimmt sehr viele Leute
geben wird, die das Album lieben, aber auch viele, die damit
nichts anfangen können - eben weil ihnen z. B. zu viele
poppige Elemente darin sind.
So
eine musikalische Entwicklung ist und bleibt auch immer
ein Spiegelbild des sich wandelnden Musikgeschmacks, d.
h. ich hab früher die ganze Bandbreite des Electro
gehört, dann hab ich mich auch zu populäreren
Musikrichtungen entwickelt. Momentan höre ich z. B.
sehr gerne Peter Gabriel und Linkin Park, ich höre
aber auch Musik, die vielleicht nicht 100%ig meinem persönlichen
Geschmack entspricht, bei der aber die Produktionstechnik
oder Ähnliches für mich interessant ist. So ist
die musikalische Entwicklung einer Band auch immer der Spiegel
der Entwicklung des Hörgenusses der einzelnen Mitglieder.
SW:
Werdet ihr diese Richtung auch für das nächste
Album beibehalten oder wird es wieder eine Veränderung
geben?
TR:
Nein! Es wird wie immer anders werden, ich bin ja schon
mitten im Songwriting zum nächsten Album, das geht
bei mir immer recht zackig! Und es wird schon wieder anders…
Mit
jedem Song, den man schreibt, bekommt man mehr Erfahrung,
mit jedem neuen Instrument entwickelt man sich weiter. Die
Grundlagen verändern sich und natürlich hängt
es auch immer von der Chemie innerhalb der Band, der Musiker
und Studiomusiker ab. Da wir ja keine fixe Band haben können
wir uns die unterschiedlichsten Musiker aussuchen, insofern
kann schon keine Platte wie die vorige sein.
Der
Grundfaden, harmonische Schemen, Strukturen und Texte bilden
eine Ebene, die grundsätzlich starr ist, alles andere
wird bei jedem Album anders.
SW:
Wird es nach „Gezeiten“ wieder ein elektronischeres Album
geben, das an eure frühen Alben anknüpft oder
ist das eine Richtung, die der Vergangenheit angehört?
TR:
„Gezeiten“ ist auch elektronisch, aber wir setzen die Elektronik
anders ein und versuchen uns auf vielschichtigeren Ebenen
zu bewegen. Wir versuchen Elemente aus allen Musiksparten
zusammenzufassen und etwas Neues daraus zu kreieren. Ich
denke, ein guter Song muss keine stilistische Einheit bilden,
sondern kann durchaus aus vielen Elementen unterschiedlicher
Stilistiken bestehen und trotzdem in sich geschlossen wirken.
Ein
Zurück zum geradlinigen Electro wird es wohl nicht
gehen, auch deshalb, weil das eine Musikrichtung ist, die
uns mittlerweile langweilt, weil es keine neuen Impulse
mehr gibt.
Letztens
wurde ich da aber Lügen gestraft! „Lost Alone“ von
mind.in.a.box war z. B. ein Album, das ein echter Eye-Opener
war - ein großartiges und innovatives Album. Aber
die meisten anderen Alben der letzten paar Jahre haben mich
nicht gerade vom Hocker gerissen!
Auch
die neuen Nummern von Wumpscut, die mal meine großen
Helden waren, begeistern mich nicht wirklich. Daher beziehe
ich meine Einflüsse lieber aus anderer Musik, die mich
emotional begeistert und noch fesseln kann.
SW:
Wie hat die Entstehung von „Gezeiten“ ausgesehen? Gab es
ein ursprüngliches Grundkonzept oder hattet ihr zuerst
die Texte bzw. die Musik, die dann später in ein Gesamtkonzept
gebracht wurden?
TR:
„Gezeiten“ ist ein heikles Thema! (lacht)
Aber
grundsätzlich gilt: Ein typischer LAI Songwriting Prozess
ist genauso wie ich - sehr chaotisch! Entweder entsteht
die Musik oder der Text zuerst, quasi einzelne Schnipsel,
die dann zusammengefügt werden, da gibt es eigentlich
kein fixes Muster.
So
war es bei Gezeiten auch. Am Ende stand ich dann da mit
17 Texten und 17 Songs und fragte mich: Wo soll die Reise
hingehen?
Ursprünglich
wollte ich mit dem Album viele kleine Geschichten erzählen,
wie in einem Episodenfilm.
Aber
als ich mir mit Sonja die Texte durchgeschaut habe, haben
wir festgestellt, dass sich unbewusst ein großes,
gemeinsames Ganzes eingeschlichen hat – sozusagen ein kleinster
gemeinsamer Nenner, auf den sich alles zusammenführen
lässt.
Und
das spiegelt sich auch im Artwork wieder: Es ist die Geschichte
zweier Menschen, die nicht zueinander finden können,
weil sich jeder in seiner eigenen Welt befindet, aus der
sie nicht ausbrechen können. Sie können nicht
miteinander leben, aber auch nicht ohne einander, genau
das ist ihr Verderben.
Und
es ist immer diese Übergeschichte, die alle Episoden
in sich vereint.
SW:
Das heißt, die Geschichte ist eigentlich unbewusst
entstanden. Dabei liegt natürlich eine Frage sehr nahe:
In welcher Weise hat sie mit dir persönlich zu tun?
TR:
Die Geschichten, die ich erzählt habe, spiegeln natürlich
persönliche Emotionen wieder, so wie die gesamte Musik
von LAI persönliche Emotionen beinhaltet, die ich aufarbeite.
Aber diese Gesamtgeschichte war nichts, was ich konkret
erlebt habe. Es war einfach eine Thematik, die sich durch
alle kleinen Geschichten durchgezogen hat. Es wäre
sicher interessant, psychologisch zu erforschen, woher das
kommt. (lacht)
SW:
Das klingt letztendlich doch alles sehr strukturiert. Das
ist sehr interessant, weil Kunst bzw. schöpferisches
Gestalten ja meist nicht sehr artverwandt mit strukturiertem
Vorgehen ist. Trotzdem habt ihr es geschafft, dass „Gezeiten“
einzelne eigenständige Geschichten in einer Gesamtgeschichte
erzählt.
TR:
Ja, Struktur ist mir auch sehr wichtig, obwohl ich persönlich
eher chaotisch bin und im Chaos kreativ sein kann – allein
wie mein Schreibtisch aussieht! (lacht)
Aber
wir arbeiten trotzdem sehr strukturiert. Ich bin auch jemand,
der beim Texten in den Word Dokumenten alles genau formatiert
etc. - was eigentlich total unwichtig ist, aber da bin ich
eben sehr penibel. Das wirkt sich natürlich auch entsprechend
auf das Konzept aus, es ist immer alles von langer Hand
generalstabsmäßig geplant.
SW:
Also alles entsprechend der Chaostheorie: Struktur im Chaos.
Man kann also sagen, ihr folgt einem unbewussten Trieb,
der Struktur ins Chaos bringt?
TR:
Ja, genau so kann man es sehen.
SW:
Du hast ja schon kurz das Artwork angesprochen und wir haben
auch schon etwas vom Konzept des Albums gehört, das
sich im Artwork widerspiegelt. Wie weit habt ihr euch bei
der Entstehung des Artworks selbst eingebracht?
TR:
Eigentlich bei allem! Ingo (Anm.: Ingo Römling, www.monozelle.de)
ist ein Künstler, der sehr stark im Dialog arbeitet.
Das Interessante ist, dass wir mit ihm irgendwie seelenverwandt
sind, wir hatten die Ideen fast immer parallel.
Ingo
arbeitet auch sehr viel mit Text, du schickst ihm Texte
und er macht etwas daraus und er wiederum schickt dann auch
wieder seitenlange Abhandlungen darüber, was er sich
dabei gedacht hat.
Er
hat aus den Texten eigene Bilder entwickelt und wir haben
sie mit ihm zu Ende entwickelt.
Es
gab auch Motive, die wir gemeinsam entwickelt haben, z.
B. der Janus Kopf im Booklet, das war unsere Idee.
SW:
Wenn man sich das Artwork ansieht, fällt das künstliche
Zusammenfügen von Mechanischem, Totem und Lebendigem
auf - was wolltet ihr damit ausdrücken?
TR:
Die Dualität von LAI sollte sich auch im Artwork wiederspiegeln.
Dass wir als echte Menschen und als Puppen dargestellt werden
ist auch Teil dieses Konzeptes.
Die
Farbwelt stand für uns insofern fest, weil wir immer
gesagt haben, dass „Gezeiten“ als Gesamtes etwas Kaltes,
Verfaultes, Fahles, Grünspaniges symbolisiert. So haben
wir es auch an Ingo weitergegeben.
Glücklicher
Weise konnte die Vision, die wir in der Ästhetik hatten,
auch in der Produktion fortgeführt werden. Denn für
uns steht das Gesamtkunstwerk im Vordergrund - Text, Musik
und Optik müssen eine Einheit bilden.
SW:
Wie sieht es mit der Bühnenshow zur „Gezeiten“ Tour
aus. Im Sinne des Gesamtkonzeptes finden wir sicher auch
hier eine stimmige Bühnenshow, die zum Artwork passt?
TR:
Ja, klar, wir haben uns darüber sehr viele Gedanken
gemacht. Sowohl die Songauswahl und auch die Deko haben
wir komplett auf das „Gezeiten“ Konzept abgestimmt. Wir
versuchen auch immer die Setlist entsprechend aufzustellen
- Sonja sagt immer „Auch wenn's außer uns niemand
merkt, zumindest wir wissen es!“. (lacht)
Wir
versuchen nämlich auch die alten Songs in das Gezeiten
Konzept einzuordnen.
Der
Sinn der Texte in den älteren Songs ändert sich,
wenn sie in einem anderen Kontext gespielt werden. Und das
ist eben die Idee …
Die
wenigsten wissen, dass wir uns so intensiv mit der Setlist
etc. beschäftigen, aber uns ist wichtig, dass es als
Ganzes stimmig ist.
SW:
Manche mögen das vielleicht als übertriebenen
Hang zur Struktur werten, aber kann es nicht sein, dass
gerade das der Schlüssel für euren Erfolg ist?
TR:
Struktur ist essentiell, für LAI war das immer das
strukturierte und ziel gerichtete Arbeiten bis ins Kleinste.
Der Schlüssel zum Erfolg
ist für LAI aber die Vision, dass wir eine fixe Idee
haben. Mir legen das leider viele Leute als Arroganz aus,
aber ich hab immer schon gesagt, ich will bzw. ich werde
mit dieser Band berühmt. Davon war ich überzeugt,
das war kein Wunsch oder Traum, sondern ein Faktum.
Und
genau dafür haben mich viele verdammt, aber ich denke,
nur so schafft man es - wenn man ohne Zweifel seinem Ziel
entgegen geht. Wenn man ohne Zweifel ist, dass man schweben
kann, dann schwebt man auch! Dann kann man auch die Schwerkraft
überlisten. Das ganze Leben bleibt der Untertan deines
Willens und wenn man fest entschlossen ist, dass etwas eine
Tatsache ist und kein Traum, dann wird es auch greifbare
Realität.
SW:
Wie gehst du dann mit dem Dämon Zweifel um? Oder gibt
es den bei der nicht?
TR:
Na klar kommt der auch, aber ich mach ihm nicht die Tür
auf. Er klopft zwar oft beharrlich und es gibt Momente,
wo er durchs Fenster schaut und bösartige Grimassen
schneidet, aber im Prinzip lasse ich ihn draußen.
SW:
Da bist du aber wirklich sehr beneidenswert - Thomas Mann
hat, als er den Nobelpreis bekommen hat, gesagt „…ich bin
der größte Dilettant, das schaffe ich nie wieder!“
TR:
Also, ich sehe das auf 2 Ebenen. Ich hab mir immer gesagt,
ich will erfolgreich werden und das bin ich jetzt. Und das
ist der große Rahmen, in dem sich alles bewegt. Sicher
sitze ich auch mal da und sage z. B. , der Song ist jetzt
nicht so toll wie der letzte den ich geschrieben habe, aber
am großen Rahmen ändert sich dadurch nichts.
Ein schlechter Song ändert nichts an meinem Weltherrschaftsstreben,
wenn ich das mal so sagen darf. (lacht)
Im
kleinen Rahmen kommt Zweifel natürlich, aber das ändert
nichts am Grundsätzlichen. Es ist auch nicht so, dass
mir das Glück immer hold war, es kam einfach immer
das, was ich gedacht habe, dass es kommt.
Bei
unserem ersten Konzert kamen z. B. schon 350 Leute und es
gab kein einziges Konzert, wo wir z. B. ausgebuht wurden
oder wo wir wirklich schlecht empfangen wurden. Und manchmal
denkt man, das ist alles zu gut, das kann kaum wahr sein!
Aber dann erkennst du, dass es genau so kommt, wie es dein
Masterplan vorsieht und insofern kann das nur in Ordnung
sein.
SW:
Wie ist dieser Masterplan entstanden?
TR:
Naja, da muss ich ein bisschen in meiner Biographie ausholen.
Ich
ging damals auf die FH für Wirtschaftsberatende Berufe
in Wiener Neustadt und habe ein halbes Jahr vor dem Abschluss
aufgehört, weil ich vor der Entscheidung stand: Band
oder Abschluss machen. Und das war ein Tag, an dem ich mich
für Band entschied, mit allen Konsequenzen, ziel gerichtet
eben. Ich habe alles stehen und liegen gelassen, auf den
Magister verzichtet und jegliche Energie in die Band gesteckt,
alles andere musste sich unterordnen. Und das war der Punkt,
wo man sagen könnte, da ist es passiert!
SW:
Das gleicht der Biographie sehr vieler erfolgreicher Menschen.
Die gleichen Denkstrukturen haben sie langfristig zum Erfolg
geführt.
TR:
Ja, ich denke man muss sich eines Tages entscheiden und
bei etwas anderem Abstriche machen. Das Geheimnis ist sicher,
sich auf eine Sache zu konzentrieren, man kann nicht in
5 Dingen gleichzeitig erfolgreich sein.
Das
ist auch das Problem, das viele Bands haben. Ich bin so
arrogant und sage, wenn man nebenbei noch einen Beruf hat,
dann kann man nicht erfolgreich sein, dann kann man es vergessen,
weil man seine Kunst immer unterordnen muss und man muss
Kompromisse eingehen, Aber in der Kunst gibt es keinen Kompromiss
- Kunst ist Diktatur!
SW: Da gebe ich dir Recht,
aber dabei komme ich zu einer sehr essentiellen Frage: Wie
hast du das finanziert? Denn, wenn ich sage ich bin Künstler
und ich entscheide mich für z. B. meine Musik, wie soll
ich das finanzieren?
Zu
Teil II