Das Schloss Concordia in Wien Simmering bildete den Schauplatz eines äußerst interessanten und umfangreichen (!) Interviews mit Thomas Rainer von L´Âme Immortelle. Der erste Teil ist ab sofort online!
Thomas Rainer von L'Âme Immortelle / Das Interview (Teil I)

14. September 2004 / Schloss Concordia

 

SW: Wenn man sich eure Alben anhört, stellt man fest, dass eine kontinuierliche Veränderung und Weiterentwicklung stattgefunden hat, sei es inhaltlich oder musikalisch. Worin siehst du die Weiterentwicklung von „Gezeiten“ im Vergleich zu „Als die Liebe starb“?

 

TR: Das Ganze hat sich in seine Extreme verkehrt - die besten Elemente aus dem letzten Album wurden noch extremer gemacht, d. h. die poppigen Elemente noch viel stärker betont, eingängigere Songs gemacht und auch die düsteren, traurigen Emotionen noch verstärkt. Das Album in sich ist so polarisierend, dass es bestimmt sehr viele Leute geben wird, die das Album lieben, aber auch viele, die damit nichts anfangen können - eben weil ihnen z. B. zu viele poppige Elemente darin sind.

So eine musikalische Entwicklung ist und bleibt auch immer ein Spiegelbild des sich wandelnden Musikgeschmacks, d. h. ich hab früher die ganze Bandbreite des Electro gehört, dann hab ich mich auch zu populäreren Musikrichtungen entwickelt. Momentan höre ich z. B. sehr gerne Peter Gabriel und Linkin Park, ich höre aber auch Musik, die vielleicht nicht 100%ig meinem persönlichen Geschmack entspricht, bei der aber die Produktionstechnik oder Ähnliches für mich interessant ist. So ist die musikalische Entwicklung einer Band auch immer der Spiegel der Entwicklung des Hörgenusses der einzelnen Mitglieder.

 

SW: Werdet ihr diese Richtung auch für das nächste Album beibehalten oder wird es wieder eine Veränderung geben?

 

TR: Nein! Es wird wie immer anders werden, ich bin ja schon mitten im Songwriting zum nächsten Album, das geht bei mir immer recht zackig! Und es wird schon wieder anders…

Mit jedem Song, den man schreibt, bekommt man mehr Erfahrung, mit jedem neuen Instrument entwickelt man sich weiter. Die Grundlagen verändern sich und natürlich hängt es auch immer von der Chemie innerhalb der Band, der Musiker und Studiomusiker ab. Da wir ja keine fixe Band haben können wir uns die unterschiedlichsten Musiker aussuchen, insofern kann schon keine Platte wie die vorige sein.

Der Grundfaden, harmonische Schemen, Strukturen und Texte bilden eine Ebene, die grundsätzlich starr ist, alles andere wird bei jedem Album anders.

 

SW: Wird es nach „Gezeiten“ wieder ein elektronischeres Album geben, das an eure frühen Alben anknüpft oder ist das eine Richtung, die der Vergangenheit angehört?

 

TR: „Gezeiten“ ist auch elektronisch, aber wir setzen die Elektronik anders ein und versuchen uns auf vielschichtigeren Ebenen zu bewegen. Wir versuchen Elemente aus allen Musiksparten zusammenzufassen und etwas Neues daraus zu kreieren. Ich denke, ein guter Song muss keine stilistische Einheit bilden, sondern kann durchaus aus vielen Elementen unterschiedlicher Stilistiken bestehen und trotzdem in sich geschlossen wirken.

Ein Zurück zum geradlinigen Electro wird es wohl nicht gehen, auch deshalb, weil das eine Musikrichtung ist, die uns mittlerweile langweilt, weil es keine neuen Impulse mehr gibt.

Letztens wurde ich da aber Lügen gestraft! „Lost Alone“ von mind.in.a.box war z. B. ein Album, das ein echter Eye-Opener war - ein großartiges und innovatives Album. Aber die meisten anderen Alben der letzten paar Jahre haben mich nicht gerade vom Hocker gerissen!

Auch die neuen Nummern von Wumpscut, die mal meine großen Helden waren, begeistern mich nicht wirklich. Daher beziehe ich meine Einflüsse lieber aus anderer Musik, die mich emotional begeistert und noch fesseln kann.

 

SW: Wie hat die Entstehung von „Gezeiten“ ausgesehen? Gab es ein ursprüngliches Grundkonzept oder hattet ihr zuerst die Texte bzw. die Musik, die dann später in ein Gesamtkonzept gebracht wurden?

 

TR: „Gezeiten“ ist ein heikles Thema! (lacht)

Aber grundsätzlich gilt: Ein typischer LAI Songwriting Prozess ist genauso wie ich - sehr chaotisch! Entweder entsteht die Musik oder der Text zuerst, quasi einzelne Schnipsel, die dann zusammengefügt werden, da gibt es eigentlich kein fixes Muster.

So war es bei Gezeiten auch. Am Ende stand ich dann da mit 17 Texten und 17 Songs und fragte mich: Wo soll die Reise hingehen?

Ursprünglich wollte ich mit dem Album viele kleine Geschichten erzählen, wie in einem Episodenfilm.

Aber als ich mir mit Sonja die Texte durchgeschaut habe, haben wir festgestellt, dass sich unbewusst ein großes, gemeinsames Ganzes eingeschlichen hat – sozusagen ein kleinster gemeinsamer Nenner, auf den sich alles zusammenführen lässt.

Und das spiegelt sich auch im Artwork wieder: Es ist die Geschichte zweier Menschen, die nicht zueinander finden können, weil sich jeder in seiner eigenen Welt befindet, aus der sie nicht ausbrechen können. Sie können nicht miteinander leben, aber auch nicht ohne einander, genau das ist ihr Verderben.

Und es ist immer diese Übergeschichte, die alle Episoden in sich vereint.

 

SW: Das heißt, die Geschichte ist eigentlich unbewusst entstanden. Dabei liegt natürlich eine Frage sehr nahe: In welcher Weise hat sie mit dir persönlich zu tun?

 

TR: Die Geschichten, die ich erzählt habe, spiegeln natürlich persönliche Emotionen wieder, so wie die gesamte Musik von LAI persönliche Emotionen beinhaltet, die ich aufarbeite. Aber diese Gesamtgeschichte war nichts, was ich konkret erlebt habe. Es war einfach eine Thematik, die sich durch alle kleinen Geschichten durchgezogen hat. Es wäre sicher interessant, psychologisch zu erforschen, woher das kommt. (lacht)

 

SW: Das klingt letztendlich doch alles sehr strukturiert. Das ist sehr interessant, weil Kunst bzw. schöpferisches Gestalten ja meist nicht sehr artverwandt mit strukturiertem Vorgehen ist. Trotzdem habt ihr es geschafft, dass „Gezeiten“ einzelne eigenständige Geschichten in einer Gesamtgeschichte erzählt.

 

TR: Ja, Struktur ist mir auch sehr wichtig, obwohl ich persönlich eher chaotisch bin und im Chaos kreativ sein kann – allein wie mein Schreibtisch aussieht! (lacht)

Aber wir arbeiten trotzdem sehr strukturiert. Ich bin auch jemand, der beim Texten in den Word Dokumenten alles genau formatiert etc. - was eigentlich total unwichtig ist, aber da bin ich eben sehr penibel. Das wirkt sich natürlich auch entsprechend auf das Konzept aus, es ist immer alles von langer Hand generalstabsmäßig geplant.

 

SW: Also alles entsprechend der Chaostheorie: Struktur im Chaos. Man kann also sagen, ihr folgt einem unbewussten Trieb, der Struktur ins Chaos bringt?

 

TR: Ja, genau so kann man es sehen.

 

SW: Du hast ja schon kurz das Artwork angesprochen und wir haben auch schon etwas vom Konzept des Albums gehört, das sich im Artwork widerspiegelt. Wie weit habt ihr euch bei der Entstehung des Artworks selbst eingebracht?

 

TR: Eigentlich bei allem! Ingo (Anm.: Ingo Römling, www.monozelle.de) ist ein Künstler, der sehr stark im Dialog arbeitet. Das Interessante ist, dass wir mit ihm irgendwie seelenverwandt sind, wir hatten die Ideen fast immer parallel.

Ingo arbeitet auch sehr viel mit Text, du schickst ihm Texte und er macht etwas daraus und er wiederum schickt dann auch wieder seitenlange Abhandlungen darüber, was er sich dabei gedacht hat.

Er hat aus den Texten eigene Bilder entwickelt und wir haben sie mit ihm zu Ende entwickelt.

Es gab auch Motive, die wir gemeinsam entwickelt haben, z. B. der Janus Kopf im Booklet, das war unsere Idee.

 

SW: Wenn man sich das Artwork ansieht, fällt das künstliche Zusammenfügen von Mechanischem, Totem und Lebendigem auf - was wolltet ihr damit ausdrücken?

 

TR: Die Dualität von LAI sollte sich auch im Artwork wiederspiegeln. Dass wir als echte Menschen und als Puppen dargestellt werden ist auch Teil dieses Konzeptes.

Die Farbwelt stand für uns insofern fest, weil wir immer gesagt haben, dass „Gezeiten“ als Gesamtes etwas Kaltes, Verfaultes, Fahles, Grünspaniges symbolisiert. So haben wir es auch an Ingo weitergegeben.

Glücklicher Weise konnte die Vision, die wir in der Ästhetik hatten, auch in der Produktion fortgeführt werden. Denn für uns steht das Gesamtkunstwerk im Vordergrund - Text, Musik und Optik müssen eine Einheit bilden.

 

SW: Wie sieht es mit der Bühnenshow zur „Gezeiten“ Tour aus. Im Sinne des Gesamtkonzeptes finden wir sicher auch hier eine stimmige Bühnenshow, die zum Artwork passt?

 

TR: Ja, klar, wir haben uns darüber sehr viele Gedanken gemacht. Sowohl die Songauswahl und auch die Deko haben wir komplett auf das „Gezeiten“ Konzept abgestimmt. Wir versuchen auch immer die Setlist entsprechend aufzustellen - Sonja sagt immer „Auch wenn's außer uns niemand merkt, zumindest wir wissen es!“. (lacht)

Wir versuchen nämlich auch die alten Songs in das Gezeiten Konzept einzuordnen.

Der Sinn der Texte in den älteren Songs ändert sich, wenn sie in einem anderen Kontext gespielt werden. Und das ist eben die Idee …

Die wenigsten wissen, dass wir uns so intensiv mit der Setlist etc. beschäftigen, aber uns ist wichtig, dass es als Ganzes stimmig ist.

 

SW: Manche mögen das vielleicht als übertriebenen Hang zur Struktur werten, aber kann es nicht sein, dass gerade das der Schlüssel für euren Erfolg ist?

 

TR: Struktur ist essentiell, für LAI war das immer das strukturierte und ziel gerichtete Arbeiten bis ins Kleinste. Der Schlüssel zum Erfolg ist für LAI aber die Vision, dass wir eine fixe Idee haben. Mir legen das leider viele Leute als Arroganz aus, aber ich hab immer schon gesagt, ich will bzw. ich werde mit dieser Band berühmt. Davon war ich überzeugt, das war kein Wunsch oder Traum, sondern ein Faktum.

Und genau dafür haben mich viele verdammt, aber ich denke, nur so schafft man es - wenn man ohne Zweifel seinem Ziel entgegen geht. Wenn man ohne Zweifel ist, dass man schweben kann, dann schwebt man auch! Dann kann man auch die Schwerkraft überlisten. Das ganze Leben bleibt der Untertan deines Willens und wenn man fest entschlossen ist, dass etwas eine Tatsache ist und kein Traum, dann wird es auch greifbare Realität.

 

SW: Wie gehst du dann mit dem Dämon Zweifel um? Oder gibt es den bei der nicht?

 

TR: Na klar kommt der auch, aber ich mach ihm nicht die Tür auf. Er klopft zwar oft beharrlich und es gibt Momente, wo er durchs Fenster schaut und bösartige Grimassen schneidet, aber im Prinzip lasse ich ihn draußen.

 

SW: Da bist du aber wirklich sehr beneidenswert - Thomas Mann hat, als er den Nobelpreis bekommen hat, gesagt „…ich bin der größte Dilettant, das schaffe ich nie wieder!“

 

TR: Also, ich sehe das auf 2 Ebenen. Ich hab mir immer gesagt, ich will erfolgreich werden und das bin ich jetzt. Und das ist der große Rahmen, in dem sich alles bewegt. Sicher sitze ich auch mal da und sage z. B. , der Song ist jetzt nicht so toll wie der letzte den ich geschrieben habe, aber am großen Rahmen ändert sich dadurch nichts. Ein schlechter Song ändert nichts an meinem Weltherrschaftsstreben, wenn ich das mal so sagen darf. (lacht)

Im kleinen Rahmen kommt Zweifel natürlich, aber das ändert nichts am Grundsätzlichen. Es ist auch nicht so, dass mir das Glück immer hold war, es kam einfach immer das, was ich gedacht habe, dass es kommt.

Bei unserem ersten Konzert kamen z. B. schon 350 Leute und es gab kein einziges Konzert, wo wir z. B. ausgebuht wurden oder wo wir wirklich schlecht empfangen wurden. Und manchmal denkt man, das ist alles zu gut, das kann kaum wahr sein! Aber dann erkennst du, dass es genau so kommt, wie es dein Masterplan vorsieht und insofern kann das nur in Ordnung sein.

 

SW: Wie ist dieser Masterplan entstanden?

 

TR: Naja, da muss ich ein bisschen in meiner Biographie ausholen.

Ich ging damals auf die FH für Wirtschaftsberatende Berufe in Wiener Neustadt und habe ein halbes Jahr vor dem Abschluss aufgehört, weil ich vor der Entscheidung stand: Band oder Abschluss machen. Und das war ein Tag, an dem ich mich für Band entschied, mit allen Konsequenzen, ziel gerichtet eben. Ich habe alles stehen und liegen gelassen, auf den Magister verzichtet und jegliche Energie in die Band gesteckt, alles andere musste sich unterordnen. Und das war der Punkt, wo man sagen könnte, da ist es passiert!

 

SW: Das gleicht der Biographie sehr vieler erfolgreicher Menschen. Die gleichen Denkstrukturen haben sie langfristig zum Erfolg geführt.

 

TR: Ja, ich denke man muss sich eines Tages entscheiden und bei etwas anderem Abstriche machen. Das Geheimnis ist sicher, sich auf eine Sache zu konzentrieren, man kann nicht in 5 Dingen gleichzeitig erfolgreich sein.

Das ist auch das Problem, das viele Bands haben. Ich bin so arrogant und sage, wenn man nebenbei noch einen Beruf hat, dann kann man nicht erfolgreich sein, dann kann man es vergessen, weil man seine Kunst immer unterordnen muss und man muss Kompromisse eingehen, Aber in der Kunst gibt es keinen Kompromiss - Kunst ist Diktatur!

 

SW: Da gebe ich dir Recht, aber dabei komme ich zu einer sehr essentiellen Frage: Wie hast du das finanziert? Denn, wenn ich sage ich bin Künstler und ich entscheide mich für z. B. meine Musik, wie soll ich das finanzieren?

 

Zu Teil II

 
 
 
Website: L'Âme Immortelle
 
Diskographie (Alben)

 

Lieder, die wie Wunden bluten (1997)

In einer Zukunft aus Tränen und Stahl (1998)

Wenn der letzte Schatten fällt (1999)

Dann habe ich umsonst gelebt (2000)

Zwielicht (2002)

Als die Liebe starb (2003)

Seelensturm (2003)

Gezeiten (2004)

 

 
 











 
 
 

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